AUF- UND VERZEICHNUNGEN (Auszüge)

Original Markus Vallazza gewidmet

Ich freue mich sehr, dass ich mir dieses “an sich” leere Buch gekauft habe. Es ist das noch unbewohnte und noch unbekannte Land, in dem ich mich ausbreiten kann. Das ist nicht nur so dahingesagt.

Auch nicht nur so ins Blaue, hineingesagt.

Im Spanischen ist einer “grün”, wenn er Lust hast. Verwandelt sich sozusagen in FLORA.
Will blühen, gar rotwerden?

Langsam beginnt der Tag, mit café, Zigaretten und trockener Madelaine oder Maddalena.
In Madrid gibt es viele Kanarienvögel, Hubschraubervögel; ich glaube ausserdem, dass die Geschwindigkeit, mit der sie ihre Flügel “schlagen”, noch grösser ist. Sie können natürlich in der Luft stehen. Und bewegen ihre Flügel so schnell, dass wir sie nicht mehr sehen? Oder stehend sehen? Ich weiss es nicht, muss dabei aber an einen Kommentar im Radio zu Witold Lutoslawski denken “Trenzas de movimientos que substituen la inmovilidad“: Zöpfe (geflochten) aus Bewegungen, die Unbeweglichkeit herstellen…, so in etwa.
Übergrosse Bewegung, hohe Geschwindigkeit, ist gleich Stillstand. Sieht so aus, entspricht, …
Zöpfe aus Bewegung: herrlicher Satz. Stillstand = verdichtete Geschwindigkeit.
Oder: Eine Flasche, gefüllt mit Whisky: verdichtete + (noch) in sich ruhende “Energie-Bombe”.

Kanarienvogel: sein “Gesang” ist sehr hoch, hohe Geschwindigkeit, hohe Stimme – je höher eine Stimme, umso “nervöser” (bewegter) ist jemand? Eine tiefe Stimme macht den Eindruck von “Gesetztheit”, in sich ruhend, Langsamkeit … Der Kanarienvogel, ist er ein nervöser Vogel?
Oder: sehr schnell – ameisenhaftes Fieber und absolut schnell: totale Unbeweglichkeit.
Also: nur nicht dem eigenen Auge trauen!
Den eigenen Sinnen. Von Sinnen, verrückt, farikt, ver-schoben: der Riegel, ins Aussen hinein (geschoben).

Das Problem des Fernsehens:

der Fernseher hört mir nicht zu, ist unantastbar (wie die Ferne selbst, dieses ferne Aussen, an dem nicht zu rütteln ist, während es aber an mir rüttelt. Von ferne. Weil ich es ergründen will, ich ihm aber vollkommen geichgültig bin. Ob ich hinsehe oder nicht. Er spricht in sich weiter (+ nicht wie die Flasche Wein, die, wenn ich sie leergetrunken habe, auch wirklich leer ist + ich eine neue kaufen oder aus dem Keller holen muss).

Der Fernseher ist nie leer.

Und die Ferne?

Es gibt mindestens 3 Fernseher:
1.) Der immer volle Apparat, gefüllt mit unnahbarer Ferne.
2.) Die Person, die die Ferne im Fernseher sieht.
3.) Die Person, die in die Ferne selbst sieht.
Nein, es gibt sogar 4 Fernseher:
4.) Die Person, die die Ferne im Fernseher gesehen hat und leer wieder davon weggeht.
Und letztlich der 5. Fernseher, der in oder die Ferne selbst gesehen hat und von ihr gefüllt, also voll wieder davon weggeht.

Fazit:
A) Von der vollen Weinflasche wird man voll – ihre Fülle füllt sich (+ ich) in mich hinein und bleibt dort (eine Weile).
B) Vom immer vollen Fernseher (Apparat) wird der manchmal leere Fernseher (Person) gefüllt und voll, aber nur, solange er mit Auge und Ohr dort angeschlossen ist, hineinsieht und hört. Geht er weg, entfernt er sich davon, in eine andere Ferne hinein, ist er gleich wieder leer + muss sich mit dieser anderen, von ihm selbst erwählten Ferne, wieder auffüllen, vollmachen. Diese kann auch in seinem Kopf nur sitzen, stehn, sein.

C) Der Fernseher, der in solch eine Ferne hineinsieht, wie das Meer oder das Gebirge im eigenen Kopf, der wird von dieser (Ferne) voll und, geht er von ihr wieder weg, entfernt sich in eine andere Ferne wieder hinein, ist er immer noch voll (und will sogar oft erst einmal keine anderen Fernen mehr sehen, weil er diese, mit der er noch gefüllt ist, solange wie möglich geniessen will).

Frage: Kann man den Apparat-Fernseher oder besser das Die-Apparat-Ferne-Sehen geniessen?

Nein. Man geniesst das Abschalten der eigenen Fernen, wenn man die Apparat-Ferne einschaltet.

Man will dann gar nirgends sein.

Weder in der eigenen Ferne noch in der eigenen Nähe.

Und deshalb ist man hinterher so leer von diesem immervollen Apparat.

Oder: „Ferne“ heisst doch nur: Wünsche, Ideen, Vorstellungen – ja, Sehnsüchte, eben Wünsche!

Oder wie Valentin sagt: „Der Fremde ist in der Fremde nicht mehr fremd“ (weil er ja fremd ist) und hier:

Der Ferne ist (in) der Ferne nicht mehr fern …

Madrid ist mir so genauso nah oder fern wie Köln oder Berlin oder … es geht nur darum, was man will, man sehen, hören möchte. Es ist auch unnötig, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Welches Kopfzerbrechen allerdings nötig ist, ist das, wie man heutzutage als Künstler „ohne Verwerter“ leben kann. Kann man nicht.

Optionen: Glück, Selbstmord oder Lotterie.

Oder wieder die Verwerter „umschwärmen“. Usf….

Die Nacht ist schön.

Der Fischverkäufer hat ein schönes Gesicht.

Die Fische sind wunderschön.

Ich bin wunderschön. Die Strassen sind schön. Die Sonne ist schön. Alles ist schön. Und dann heisse ich auch noch Frau Schön.

Der Zebrastreifen ist schön.

Am liebsten wäre ich so schön dick, prall und glänzend wie eine „Lubina“ (Wolfsbarsch).

Anleitungen für Künstler:

  1. Das Leben lieben,auch wenns oft schwerfällt – dann: umso mehr
  2. Diese Liebe – auch die schwer fallende – abschreiben, zeichnen, etc.
  3. Alles von einem “höheren” Punkt aus als man selbst (das Persönliche) betrachten – das Persönliche erhöhen, damit.
  4. Jedes Leben ist ein Kunstwerk – man muss es nur zu schätzen wissen. Welches auch immer.
Oder: Ich “mache lieber” ausserhalb des Erlebens als nur erleben. Lieber abbilden + überhaupt bilden, als erleben. Erleben als zu anstrengend erlebt. Rucksack, aus dem Bilder des Erlebten geholt werden können, um später dann zu bilden. Was immer. Auch. Ich bilde mich dabei. Und eben nicht nur mit Büchern, wo das von andern Erlebte herausquillt, durchscheint.

Schreibsucht. Abbildungssucht, um sich von sich selbst zu entfernen. Die eigene Nähe, von der Ferne aus sehen. Gleiten, um nicht in den Löchern des Eigenen und immer zu kurzen Sehens zu versinken.

Oder auch: Meine Wege sind Umwege.

Zweiter August

Am Meer. Kleinsein. Grösse riechen. Jeder ist ein Meer. Dann ent-falten sich die Existenz-Probleme (Pastís, aber auch ohne).

Das Meer auf Händen tragen, auch mich trägt es. Ich scheine durch es hindurch.

Das Atmen der anderen, die eigenen Katastrophen.

Da wo die Sprache nichts mehr nützt.

Da, wo man in und auf der Welle liegt, als würde man nur getragen.

Das Meer, das während des Im-Meer-Seins erfrischt, ein Moment, danach schon nicht mehr.

Das Frisch-Sein von etwas, von einem selbst, ist auch nur der Abstand zweier un-frischer Momente.

Dann, wenn das Ende nicht absehbar ist.

Dass man oft nur ein Ende im Kopf hat. Und nicht viele (verschiedene).

Juanita (Das Hundeleben der Juanita Narboni) verdrehen sich die Worte im Kopf, und erst wenn sie sie ausspricht. (ich meine das aber so und nicht so…) Oder:

Nebel zieht auf.

Vom Meer her und dann übers Land. Dringt ein (in den Erdboden) + bricht darüber hinweg.

Flut aus Bedeutungen (alles wird gut und ist es schon).

Siebter August

Herzliche Unregelmässigkeiten. Missverständnisse, Unverständnisse, sich ergeben. Es gibt Menschen, die lieben die Worte nicht, benützen sie nur. Es gibt Leute, die lieben die Kunst nicht, benützen sie nur. Es gibt Leute, die lieben die Menschen nicht, benützen sie nur. Es gibt Leute, die lieben die Liebe nicht, benützen sie nur.

Das Reden. Heisst doch im Idealfall, dass alle reden.

Oder was macht einer, wenn er immer anders denkt als die andern?

  1. Möglichkeit: er denkt, alle andern sind blöd und vielleicht sind sie das sogar.
  2. Optimistische Idee: zuhören, Geduld üben auch, wenns schwerfällt. Und wenn es unmöglich ist, weggehen.

“Irgendwie” hatte ich heute nacht einen schönen Traum.

Wenn ich nur wüsste, wie dieses “Schön” ausgesehen hat.

Es war die Idee, nicht immer missverstanden zu werden.

Und schon, als hätte mein Traum prophetische Qualitäten, erscheinen die Helfer”, bieten sich plötzlich an – das Leben als etwas Unglaubliches.

Oder: ich denke (was immer das hiesse) zirkulär, kreis-artig, von einem Punkt aus in die Runde gehend, zentrifugierend, herausschleudernd…. wenig linear.

Sechzehnter August

Ich habs gern, wenn viele Momente aufeinander gepresst da-liegen – lose geht auch. Die gelbe Landschaft, Wüstenlandschaft, mit ein paar Strichen “Grün”.

Mensch+Palme=Engel

Ein Tag ohne Rot.

Und dann bleibt doch nur EIN Moment übrig (von einem ganzen Tag). Im Moment. Der Sonne.

Oder: Das Geldproblem. Ewiger Moment, ewige Sonne. “Nach reiflicher Überlegung“ bin ich zu dem Schluss gekommen, “gross” zu denken” Wie gross? So gross wie möglich. Alles fordern. Alles verlangen. (z.B. Ein Haus am Meer).

Ist das gedacht? Denken hat vielleicht gar nicht so viel mit “Realität” zu tun. Oder “Logik” (was man normalerweise darunter versteht).

Oder: würde ich nachdenken, würde ich morgens keinen schwarzen café trinken, weil er mir den Magen “verätzt” – aber, wenn ich keine Milch im café mag?

Elfter Oktober

Lunes, Montag, puente (Brücke über den Tagen, aufgespannt). Die Sonne mit ihrem Hals. Zehn Uhr, die Wonne scheint. Alle finden, ich solle anderes als “Sumpf” schreiben, während ich mitten drin (im Sumpf) stecke. Oder vielleicht ist es ja “Blau-Sumpf”? Das heisse Eisen ist die Kunst. Ich will sie aus- und hinausführen (hinein, in meine Umgebung, die aber “Ich” ist +) und somit bleibt sie bei mir. Oder: dieses Draussen müsste ein anderes sein. Ein Deutschsprachiges. Meine Umgebung, die direkte, konkrete – versteht aber kein deutsch und die direkte unkonkrete (deutsche) will mich nicht mehr verstehen. Konflikt: nein, kein Konflikt, denn ich bin da wo ich sein will.

Woran es hapert:

Auf was es ankommt, ist die Gesinnung. Habe ich eine Gesinnung? Ich glaube, im Spanischen gibt es so ein Wort gar nicht: Gesinnung. Und ich habe gar keine: Gesinnung.

Oder wenn, die: dem, was da überall und inflationär so gern “Kunst” genannt wird, skeptisch gegenüberstehen. Eigentlich ist es wie mit der Kirche und der Religiösität. Oder besser, dem Glauben, das wir keine ferngesteuerten Roboter sind.

Fünfzehnter Oktober

Anruf des Vermieters, dass mein Arbeitsstübchen jetzt wohl doch bald geschlossen werden muss. Alle Wege führen nach Rom … zum Licht (das Licht der Welt erblicken, das Licht neuer Ereignisse erblicken).

Tapetenwechsel, Wandwechsel. Stein-, Luft-, Grünwechsel. Ich möchte noch viel helleres Grün.

Mehr Gelb, mehr Braun, mehr Blau!

Eingeschweisst in einen Salbentopf oder: Im eigenen Öl schmoren.

Dank und Verehrung der Nachbarin, die es geschafft hat, uns endlich

hinauszukatapultieren!

Ein Tag, eine Nacht. Jeder will, dass sein Leben „einen Sinn macht“ (häkelt, strickt: produziert).

„Sinn“ meint hier meistens „Gutes“ wie Erfolg, Geld, Anerkennung, … ein „schönes Leben“.

Es gibt Leute, für die wäre „Sinn“ auf Boa-Boa leben. Was macht man aber da? Das Paradies schreiben?

Wären diese Paradies-Inseln billig zu erreichen (sind sie ja mittlerweile), wären immer mehr Menschen dort und schon wäre es kein Paradies mehr. Paradies heisst also: Da, wo kein Mensch ist, nur ich. Und DAS kann man auch anders haben (abgesehen davon, dass „Einsamkeit“ oder besser „Alleinsein-Wollen“ heutzutage als „krank“ angesehen wird …).

Erster November 2005, Córdoba

Auf dem Land. Auf dem Land leben, das wäre schön. Eine Zeitlang. In einem kleinen Häuschen – es müsste ein komisches Häuschen sein. Dieses hier ist ein richtiges andalusisches, kleines weisses Häuschen. Ein Kasten. Es gibt sogar eine Dusche. Allerdings kommt kaum Wasser aus der Brause, aus der süssen Zitronenbrause heraus. Die Brause, es braust und saust und rauscht … nicht. Na, egal. Ich bin es, die aus allem etwas macht. Selbst aus dieser nicht-sausenden Zitronenbrause, die da Dusche heisst. Da kommt die Bäuerin. Sie hat eine gelbe Schürze an. Ihre Katze hat ein orangefarbiges Fell, mit Weiss darin. Streichelt man sie, springt sie wie ein kleines Pferd, mitten in die Hand hinein, mit dem Kopf. Jetzt sitzt sie neben mir auf dem Tisch und dreht sich um, weil sie keinen Zigarettenrauch mag.

2. November. Alles ist wie es ist. Zur Zeit hat dieses Seil, das da “Tage” heisst, Knoten. Diese Ereignisse, die mir das Leben ein bisschen vermiesen (Arbeit am Film). Alles vernebeln, verunklären. Wetter: wie lange hält dieses Wetter noch an? Dieses Wetter, das der Farben, Gerüche und Nebelschwaden. Es ist November. Andalusischer November. Mit viel Sonnenschein. Es wird dunkel. Die Katze ist aufgestanden, hat sich gestreckt und blickt jetzt in den Abend hinein, in einen Abgrund hinein, eine Böschung hinab, dort, wo sich so viel bewegt, immer.

3. November. Die schlechte Laune, die sich einstellt, wenn nichts so geht, wie man es will (Film, Film, Film). Ich finde es rührend, wenn die Katze einfach so mit mir mitgeht. Ein kleiner Gefährte – conmovedor – bewegend – die Katze bewegt mich, bewegt sich, mit mir mit. Wer treibt wen voran?

Dann, wenn die Wolken ziehn.

Dann, wenn das Meer Strand quirlt (um meine Füsse herum)

Es ist, als ob dann meine Füsse (Beine) “umspült” würden, von einer kleinen + sprunghaften Bewegung, die von mir abhängig ist. Als sei mein zögerliches Gehen die LEINE, an der die Katze läuft. Und ich an der LEINE ihres Gehens, Springens, Stehenbleibens.

Eine kleine Welle, die sich zu Schaum ausrollt.

Als habe die Katze immer auch gleichzeitig das “Rückwärts” in ihrem “Vorwärts” mit eingebaut.

Oder: Eine Fusskette, um meine Füsse herum, bestehend aus dem Stehenbleiben, Springen oder lustigen Vorwärtslaufen der Katze.

Das Springen der Katze: klingelnde Glöckchen um meine Füsse herum (ihr Gehen und Springen ist so leicht und leicht-sinnig).

Fusskette = Schmuck, der leicht “ausläuft” und nicht schwer, wie die Gefangenen-Fusskette.

Oder: angenehm Gefangen-Sein und unangenehm Gefangen-Sein.

Oder: die Liebe nimmt mich gefangen.

Angenehm und unangenehm.

Dritter Dezember, nachts. Und dann vergeht die Zeit, wo geht sie hin, was geschieht mit ihr, kann sich Zeit, falls es sie gibt, in “Nichts” auflösen? Nein, natürlich nicht – Zeit, als dieser Teig, den man hin- und herknetet und in dem man selber steckt, als Teil davon. Da sitzt man drin, da kommt man nicht heraus.

Jede “Zeit” ist das, was mein Gehirn aus ihr, mit ihr macht, ein Ereignis, ein Augenblick, ein Bild, das ich gesehen habe, ein Ton, den ich gehört habe +

schon bin ich wieder in einem anderen. Seltsam, denn: und doch ist mir, als sei alles immer und auf einmal da. Dieser ganze Teig, dieser ganze Zeit-Kuchen.

Aber jetzt regnet es und ich sehe Tropfen,

die wie eine von einem Hals gelösten Hals-Band aussehen,

eines ohne Verschluss, da ich über ihren Anfang nichts weiss …

Lange Strahlen,

die irgendwo

aufspringen,

zerplatzen + zerspringen,

zu einem neuen Kreis.

Und ihr Inhalt, der ihrer Form recht gleichkommt, denn was ist innen, in einem Wassertropfen?

Oder: das Erlebnis des “Jetzt” als das Auge, die Gedanken, den “Fokus” auf einen Punkt,

ein Détail einstellen, in diesem ganzen Zeit-Teig, also der Übergang vom Ganzen zum Einzelnen …

(Das “Jetzt” ist immer so ein einzelner Punkt, diese da, von denen es unendlich viele geben soll…)

Das Geräusch ist “lang”, zerplatzt aber dabei (bei meinem Es-Hören, Es-Ansehen, etc.).

Das “Anhängen” (mein Blick hängt an einem Wassertropfen, bzw. am Gedanken EINES Wassertropfens, den ich mir so und so vorstelle und also SO sehe, im Geiste, weil irgendwer (Chemiker) gesagt hat, SO sieht er aus – und tut es wohl auch (jedenfalls in dieser “Normal-Dimension) und das Zerplatzen findet im selben Moment statt.

Dazu kommt, dass ich es gerade warm habe (und trocken): ich sehe ins kalte Draussen und mache mir so meine Ideen dazu …

Oder: Heute einen Heizer gekauft. Einer, der sich drehen kann, von einer Seite zur andern.

Und mein Herz bewegt (conmovedor).

Jetzt regnet es schwächer, sodass man den starken Strahl hört, der aus der Wasserrinne auf den Zement klatscht.

Und das Wasser aussieht, als sei es eine zusammenhängende, ebene Fläche, die sich in Falten auffaltet wie ein Falten-Rock; dann, wenn ich mich bewege oder der Wind mich, den Rock bewegt.

Wäre diese (oder die andere) Bewegung irgendwie mit der Wucht, Masse und dem Fallen des Regen-Wasser-Strahls zu vergleichen?

1.) Das Wasser fällt (wird gefallen (Regenrinne))

2.) Ich tanze (ich/Tanz/Rockfalten-Wasser (ich, bzw. ich, zusammen mit den sich auffaltenden Rockfalten falle (wie) Wasser (fallend) zusammen mit dem Wasser Rock auffaltend, eine Regenrinne hinab…).

Im, während des Falls 2.) begänne der Regen in meinem Kopf.

Und in, während des Falls 1.)? Das Dumme ist, dass niemand aus seinem Kopf herausschauen kann – wirklich.

Die Medizinmänner in Afrika vielleicht?

Sind Drogen Messgeräte? Für die Zusammensetzung eines Moments, Ereignisses und seiner viel-faltigen Verästelungen in die Zeit hinein? Nach hinten, vorne, seitlich, etc.?

Oder: wäre ich doch nur “afrikanischer” (im Denken, also Wahrnehmen)!

Oder: dass ich das Leben liebe, liegt daran, dass ich es liebe.

Ich bin nicht betrunken (ein bisschen oder: spanischer Rotwein ist eine Herrlichkeit), sondern weiss, dass es ohne diese “Vorbedingung” gar nicht “geht”, das sogen. “Leben” geht dann nicht voran, weiter, für den, der es nicht liebt. Weil es zuviele Probleme immer gibt. Eine Obsession, “Fixation” wie eben auch in der Liebe. Immer wieder “foppt” es einen, ärgert einen, aber nie wird man müde, ihm, dem Leben nachzulaufen (zumindestens weiss ich nichts von einer anderen Existenz).

Schön ist es, kluge Menschen zu treffen.

Dritter Dezember, morgens

Der Morgen auf dem Land, en el campo. Wieder voller Geräusche, gesät mit Geräuschen, damit sie aufgehen, wachsen, sich ausbreiten, blühen. Hähne krähen, ein Truthahn trudelt wie ein zu voller Wassersack, den man hin- und herschwenkt:

Trudel – Truthahn – Wassersack – Truthahn-gurgeln)

Die Vögel zwitschern kleine Farbspritzer

Ein Hund “weint” den Rahmen, der kein Ende hat

Die Katze ist leise, beinahe geräuschlos (ich höre sie nicht). Welche Geräuschlosigkeit. Sie bewegt sich, aber man hört sie nicht. Wenn sie sich wohlfühlt, schnurrt sie sich einen kleinen, sie bergenden Raum um sich herum.

Wenn sie angreift/sich bedroht fühlt, wirft sie diesen (oder einen ähnlichen, selbst gemachten) Raum dem Gegner vor die Füsse, vor die Augen:

Lesung:

Fixativ gekauft – für Pinsel, Ölfarbe. Da es aber kein anderes gab (für Bleistift) + ich so froh war, daran gedacht zu haben ….. es löst das Papier auf – natürlich. Mit Ölfarben malt man normalerweise nicht auf Papier.

“Für die Katz’” (das Fixativ) sagt man, weil sie sich nie binden, keinerlei Dankbarkeit bezeugen (fast keine, oder: ich “sehe” keine). Was heisst “Dankbarkeit”? Ich freue mich, wenn man mir etwas schenkt oder überhaupt freundlich ist. Ich bin dann demjenigen “dankbar”. Fühle mich aber nicht weiter gebunden. Katzen auch. Hunde sind anhänglich, wissen das “Gute” zu schätzen. Deshalb sind Hunde käuflich – im weitesten Sinne – Katzen nicht, weil sie nicht wissen, wie man “gewinnt”, Profit herausschlagen kann – aus etwas, jemandem. Obwohl, wenn sie sich einem ans Bein schmiegen, bitten sie oft darum, dass man ihnen etwas zum Fressen hinstelle. Bitte schön.

Oder so: Hat Dankbarkeit mit Kalkül, bzw. Berechnung zu tun?

  • Du solltest etwas über Spanien schreiben (sagt jemand).
  • Wenn ich aber doch gar nicht wirklich hier bin (sage ich)
  • Wie meinst du das? (fragt jemand)

Ich bin ja doch nie auch nur irgendwo.

Vielleicht Eines könnte ich mit Sicherheit sagen: immer, wenn ich nach Deutschland oder Österreich fahre, habe ich das Gefühl, es liege eine Art Eisschicht über allem (auch im Sommer) + als ob alle schlafen würden. Eine Art Gräue, lähmende Stimmung. So, dass ich sofort wieder zurückwill. Das Land, die Landschaft hier ist so umwerfend schön, dass ich mehr als genug an Glück empfinde, an so einem Ort sein zu können. Und jetzt, Mitternacht, im Radio: Flamenco. Tiefernste Musik, die Gefühle ausdrückt, Worte, die Gefühle ausdrücken. Eine bestimmte Moral auch. Folklore, die schön ist. Und Worte wie “Freiheit”, Ungebundenheit, Desinteresse an Materiellem und Liebe vertritt. Erholsam. Ein Schubertlied: der Wandersmann? Heisst es, ist auch schön, aber alt geworden. Man lächelt beim Zuhören. Beim Hören von Flamenco lächelt man nicht, man wird ernst – wenn man ihn nicht von vornherein ablehnt. Aber hier lebt er, während “DAS” im Norden tot ist. Romantik?

Und was habe ich damit zu tun? Ich “sehe” sie als eine Art “Erde”, diese Musik. Ungeschminkt, direkt, aus dem Moment heraus. Das “imponiert” mir. “Imponerse” heisst auf deutsch: sich aufdrängen, aufzwingen, das Imponieren wird zum Aufdrängen. Oder: Schmuck der lustvollen Traurigkeit. Die östlichen Zigeuner verwandeln Trauer in überbordenden Tanz + Ekstase. Die spanischen zelebrieren die Trauer …

Zu wenig Zeichnung auf diesen Seiten.

Liegts am Flamenco, der bei mir nur das Bild von trockener Erde und unerträglicher Sonne auslöst?

Und im Augenblick regnet es sogar, ja.

Die beste Radiosendung macht aber zweifellos ein Franzose. Die abstrakten und luftigen Franzosen, über die jeder Spanier lästert. Die “Kultur-Habenden” Franzosen, die die Spanier bewundern und nicht verstehen, warum die Spanier über sie lachen.


“Das Hinabsteigen mit dem Ziel des Hinaufsteigens” (Chassidismus) mit dem Ergebnis, dass das “Unten” zum “Oben” wird und somit alles “Ein Oben” sein kann, bzw. Ist. Oder: wenn man sich in alles “eingräbt”, zum “Unten” hin, sitzt man wieder oben, auf allem. Wie in den Katakomben von Rom:

Je tiefer man “steigt” (steigen deutet auf “oben”, immer) – immer wieder steht man “auf” einem gebäude aus noch älterer Zeit. So liegen die Zeiten übereinander wie Gebäude?

Das “Unten” als Erde, das “Oben” als Himmel – der Himmel des 12. Jahrhunderts ist jetzt mit Erde aufgefüllt.

Die Frage, ob der Messias schon da ist oder noch kommt, ist eine Frage, mit der ich wenig oder viel anfangen kann. Eigentlich finde ich diesen gekreuzigten Jesus Furcht einflössend + schrecklich. Hier hängt er überall + lässt mich jedesmal zusammenfahren. Spanische Inquisition – Schreckensherrschaft der Kirche. Das menschliche Wesen: wie furchtbar es auch ist. Lese in “Die Vertreibung der Juden aus Spanien” von Valerie Marcu, das mir Manfred Bauschulte geschenkt hat; da kommen die Spanier nicht mehr so gut weg wie es hier im Radio + überall heisst: sie hätten sich nur zum Katholizismus bekehren lassen müssen – oder nur so tun müssen – und hätten ihre Ruhe gehabt. Abgesehen davon, dass das sicher auch keine einfache Sache ist, sind in der Inquisition genau die Konvertierten verfolgt + verbrannt worden. + sogar die tatsächlich Konvertierten, die sogen. “Marranen”, was “Schwein” heisst. Die elende Masse der Menschen. Religion als Waffe, Alibi.

Fünfter Dezember 2005, Lunes, Mond-Tag.

Lese zufällig in “Zahl+Zeit”, von Marie-Louise von Franz, Seite 121: “Das christliche trinitarische Denken des Mittelalters hat dieses mit der Philosophie Platos gemein, dass es das Problem der materiellen Realität + der damit verbundenen leidvollen Imperfektion der Wirklichkeit und des Bösen wegzudenken versucht.”

Heute muss am Dokumentarfilm über Vázquez gearbeitet werden. Vázquez, kein Spanier, sondern tangerino; dort lebten bis 1956 Araber, also Musulmanen, Juden und Christen friedlich miteinander. Und Inder, also Buddhisten, waren auch noch dort. Emilio Sanz de Soto erzählt eine schöne Geschichte, die er als Kind in der Schule erlebt hat:

Das Aussen und das Innen. Und wenn einen das Aussen zu sehr in Schach hält?

‚Sich beruhigen‘ muss man. Das heisst, dieses ganze, ewig “flackernde “Aussen” entweder “in sich einarbeiten” oder einfach darüber hinweggehen.

Oder sich in einem “Thema” verschanzen.

Et moi et moi et moi?

Von I zu II zu III: voilá!

Und wieder im Kreis, weiter.

Der Weg also plus das, was herauskommt + man hinterher “Thema” nennen könnte.

Das Wort “Thema” wäre hier aber nur der Hut für die andern (wer setzt ihn sich auf? Der Macher oder die, die das Gemachte ansehen?)

Neunter Dezember, viernes, Frei-Tag, wieso eigentlich Frei-Tag? Wohl von “freien” + da die Leute meistens Freitag nacht feiern, ist der Frei-Tag tatsächlich schon so gut wie “frei” – Freitags-Autos waren früher unerwünscht (so wie Montags-Autos) – sie waren oft fehlerhaft.

Oder: die Aussicht auf den freien Tag (Samstag) ist schon ein halber Freitag.

Draussen scheint die Sonne, drinnen esse ich wieder “Traum”: Spaghetti mit pesto + Olivenöl, dem besten Öl, das es gibt! Ich lebe, esse “Traum” – und sehe ihn, während ich in ihm stecke, als ich selbst Teil meines Traums.

Aufgeklappter Traum = Reales

Wunschtraum

Bildung der Idee des Traums

Und wirklich: ohne mich gäbe es diesen Traum nicht – für mich – auch für niemanden sonst, der nicht ich wäre. Ich lebe, sehe, höre, schmecke meinen Traum, während ich ihn “fertige”, zu seinem Ende – Höhepunkt – zu seiner Perfektion bringe.

Fliesst jetzt aber die Realität in meinen Traum oder der Traum in meine Realität?

Bald ist Weihnachten + es sieht so gar nicht danach aus.

Und erst in Rio de Janeiro!

Nein, Beziehung zu Weihnachten seit jeher eher schlecht, da ich früher!! ganz gut singen konnte,

die üble Idee meiner Mutter, Weihnachtslieder zu singen. Ich. Hasste + hasse diese Lieder.

Insofern habe ich das “Weihnachten” gefunden, das mir gefällt+ bei dem ich manchmal sogar singe.

Kometen der Erinnerung, Zeit + Raum durchrasend

Aber das Grün einer Tanne ist ein ganz anderes Grün – vielleicht geht es um Mischungen, so wie das eigene Auge “sich alles zusammenmischt”, denn diese Landschaft hier hatte ich vorher noch nie gesehen.

Mein erster Eindruck war ja gewesen: “Israel”, wo ich noch nie war; im TV gesehen + dort etwas “Typisches” herausgesehen – eine bestimmte “Ungeordnetheit”, ein “Ungeordnetsein” der Landschaft, undekoriert, keine Park- oder Garten-”Anlagen” (vielleicht kommt meine Aversion auch von dem “Spielplatz”, der damals genannten “Anlage” her, in der wir Kinder spielten: nicht viel mehr als ein grösseres ausgebuddeltes Loch, von wilden Gräsern überwachsen, in der Mitte eine Wippe, alles andere war uns Kindern “überlassen”, heisst, keinerlei Vorgaben, sondern man konnte dort machen was man wollte…), sondern die Häuser und Bäume stehen so “wie sie fallen”: irgendwo. Gefühl “herrlicher Freiheit”, kein Plan, kein Muster, in das man sich einfügen muss.

Ein Gefühl. So wie mir der Norden Italiens das Gefühl eines “Geordnetseins der Schönheit” (Landschaft) eingibt: ganz das Gegenteil, aber trotzdem stimmt es für mich. Der Eindruck des “Dekorierten und Geplanten” in der italienischen Landschaft ist zwar schon da – und besonders im Gegensatz zur spanischen Landschaft wie hier im Süden, wo garnichts “geplant” ist – aber es herrscht ein seltsames Gleichgewicht zwischen dem, was fällt und dem, was hingestellt wurde – alles ist pittoresk und zugleich “natürlich” … ein Bild, bei dem der Zufall seine “eingeplante” Rolle hat? Die Zypressen im Piemont, die Pinien in Rom … sie stehen da wie gemalt, wie “hingesetzt” und doch stört es mich nicht, wirkt es nicht “geplant” … ich komme da nicht weiter (oder, noch viel absurder: ich mag die “Englischen Gärten” überhaupt nicht! Als habe man dort “Natur” geplant, während alles doch angelegt, geplant ist…. Ich muss da einmal mehr drüber nachdenken…)

Aber, es ging ja um Bilder, die sich einem einprägen: eben die sogenannte “Anlage”, der Spielplatz meiner Kindheit, nichts weiter als ein grosses Loch mit Gräsern und einer einsamen Wippe in der Mitte (die nachts nur die Liebespärchen als Sitzbank benutzten), die öde und wüste Landschaft Südspaniens, das Trockene und dann plötzlich herausschiessende Palmen, Kaktusfeigen, Pinien, Orangenbäume und, um bei meinen Aufzeichnungen zu bleiben: die roten Plastikstühle einer kleinen Bar in der Börsengegend von Paris! Wo absolut NICHTS Aufregendes passierte. Nur Sonne + Stein + ZWEI ROTE PLASTIKSTÜHLE! (lieblich schwebend im Stein- und Wolkenmeer).

Ich kann mich nicht einmal wirklich an ihre Form erinnern, ich weiss nur: ROT.

Ein Rot, das ich sofort wiedererkennen würde, dieses ROT. Es war die Mischung diesen ROTs, die… warum hat sich in mir dieses Bild so festgesetzt? Eine bestimmte Helligkeit, Lichtstärke, die alle Farben perfekt in sich vereinte. Für mich + meinen “Seelenzustand” damals, vor 12 Jahren?

Ich habe sogar einen langen Text über dieses “Ereignis” geschrieben (in “Die Trinkerin – mein Leben und ich”, kommt gerade heraus! Jetzt. Schon wieder so ein Zufall. Dass ich genau jetzt dieses Tagebuch abtippe, ins Internet stelle. Das Zwischen-Netz, zwischen was? Zwischen das Papier, stelle ich das. Zwischen die Seiten, Blätter aus Papier, setze ich das hier, schweben die Buchstaben hier in der Luft und doch bleiben sie geordnet). Farbstifte reichen hierfür nicht aus. Und wieso habe ich diesen Faible für dieses Wüstenartige, Trockene von Almería (span. Ostküste, Süden)? So, dass jedesmal, wenn ich dort bin, ich NIE WIEDER weg will? Diese Landschaft hier, um Córdoba herum ist wunderschön, sogesehen, viel schöner, es gibt auch viel Grün, – vielleicht zu lebendig, um einfach nur sitzenzubleiben? Und zur Eidechse zu werden?)

In Deutschland liebe ich die Landschaft nirgends besonders. (Meine alte Kinder – “Anlage” war gut: sie war wüst, eine Art vergessenen Müllhaufens, öde und wüst).

Der Norden Marokkos hat mich kaum berührt, obwohl es beinahe dieselbe Landschaft wie bei Almería ist. Seltsam. Zu schön vielleicht? Die Geographen sagen, es sei haargenau, erd- und pflanzengenau die gleiche Landschaft + dort berührt sie mich nicht, während mich Almería verrückt macht. Fast. Vielleicht, weil in Tánger der Atlantik dazukommt? Das Mittelmeer dort “ausläuft”, in den Atlantik hinein? Der Mensch ist ein seltsames Wesen – gemessen an was?

Wahrscheinlich wie in der Liebe: warum auf Teufel-komm-raus der/die + nicht ein/e andere/r?

Fortsetzung folgt.

Weitere Seiten aus diesem Tagebuch auch bei: 

in/ad/ae/qu/at salon litteraire


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